REVIEW:
Leipziger Volkszeitung : online : Leipzig Life: 08.06.2006
Concerto Festplatte
Ein jeder kann es, wenn er denn möchte. In Zeiten von Cubase, Reason
oder Logic Audio, um nur mal ein paar der bekanntesten Musik-Produktionsprogramme
für den heimischen Computer zu nennen, ist es ein wahres Kinderspiel,
sich z.B. auch ein komplettes virtuelles Orchester zur persönlichen Verfügung
ins heimische Wohnzimmer zu delegieren. Ein paar Mausklicks genügen,
um ganze italienische Streicher- und Bläsersätze nebst japanischem
Violinenwunderkind erklingen zu lassen. Fehlende Musikalität oder unübliches
Taktverständnis beim Freizeitkomponisten werden durch das Betätigen
einiger Buttons ausglichen. Und man muss sich am Ende nicht mal um Catering
und Unterbringung für die Damen und Herren virtuellen Musiker sorgen.
Die Kehrseite der Medaille dieses kinderleichten Zugangs zum Musikerdasein offenbart sich aber ebenso schnell beim Blick ins Internet. Audiophone Kunstwerke en masse werden dort feilgeboten, klanglich oftmals auf perfektem Niveau. Das Elitäre am Musikerdasein ist wohl endgültig dahin. Um in der Masse der Computer-Musiker dieser Tage noch aufzufallen, bedarf es deshalb schon einer ausgefallenen Präsentation oder eines besonderen Konzepts. Das Berliner Laptop Orchester überzeugt bei letzterem in außergewöhnlichem Maße.
Die zentrale Idee des
Orchester kehrt die oben beschriebene Entwicklung zur kinderleichten, weil
computergestützen Musikkomposition wieder ein stückweit um. Obgleich
hier zwar auch, wie der Name schon vermuten lässt, mit Laptops musiziert
wird, spielt das Zusammenwirken von mehreren Menschen die wichtigste Rolle.
Lässt der eine faserige Loops in Moll erklingen, muss der nächste
dazu die passende Basslinie generieren, muss der Dritte bei seinem raumnehmenden
Synthie-Teppich vielleicht sogar die Tonart wechseln. Der monotonen Perfektion
des Computers wird durch humanoide Interaktion Einhalt geboten. Improvisation
erhält Spielraum, das Unvorhersehbare und somit auch die Spannung kehren
in die elektronische Musik zurück. Ein Laptop-Konzert wird wahrhaftig
zum Live-Event, bei dem am Anfang eines jeden Tracks das Ende noch nicht zu
erahnen ist. Nicht einmal vom Orchester selbst, das im Übrigen selten
in der gleichen Formation wie beim letzten Mal zusammen kommt.
Am 10. Juni gastiert
das Berliner Laptop Orchester nun wieder einmal im wunderschönen Ambiente
des UT Connewitz. An den Pulten stehen Hendrik Kröz (City Centre Offices),
Nic Weiser (Electronic Church), Alexander Augsten (formton), Marek Brandt
(privatelektro), Oliver Kiesow (digital gadget) und Daniel Teige (edition
rz). Dazu gesellen sich noch Special Guest Martin Julis, a.k.a. Marsen Jules,
ebenfalls vom feinen Berliner Label City Centre Office und die Videokunst
von telematique sowie lft.
Matthias Puppe