REVIEW: Berliner Zeitung. Feuilleton: Seite 29


Der Blick des Käuzleins
Das Laptoporchester Berlin trat in Langhans' Anatomischem Theater auf

Jan Brachmann

Unser Verhältnis zum Tier ist sentimental geworden. An der öffentlichen Trauer um Bruno, den Bären, hat man es ablesen können. Wegschieben lässt sich diese Sentimentalität nicht; sie wächst proportional zur Grausamkeit, mit der wir der außermenschlichen Kreatur begegnen - und ist ein Symptom unseres schlechten Gewissens: Irgendwann hat der Mensch es gründlich vermurxt mit dem Tier.

Ein großartiges Architekturdenkmal Berlins ist diesem Verhältnis gewidmet: das Anatomische Theater auf dem Gelände der Charité, Luisenstraße 56. Carl Gotthard Langhans, der Schöpfer auch des Brandenburger Tores, hat es 1790 vollendet als erstes Gebäude der Königlichen Tierarzneischule. Zierlich, wie aus Porzellan, umschließen die Hörsaalbänke mit den hohen Geländern steil ansteigend den kreisrunden Vortragsplatz, wo früher seziert wurde. Die Decke der Kuppel ist mit Grisaillemalereien bedeckt: Der Mensch begegnet dem Tier - Schwein und Rind, Hund und Schaf, Pferd und Ziege. Aus menschlicher Sicht haben die Begegnungen, je nach Tierart, etwas Idyllisches oder Heroisches. Das Tier aber ist immer unterlegen.

Der Videokünstler Detlef Günther hätte für seinen Bild- und Klangmehrteiler "civilised meditation" keinen besseren Ort finden können. Am Donnerstag haben er und das Laptoporchester Berlin hier mit der Uraufführung des vierten Teils "Dignity of Man -! the return of responsibility" den Zyklus fortgesetzt. Günther verarbeitet ganz unterschiedliche Bilder - Palmen im Sturm, Nachrichtensendungen, Kriegsszenen, Müllhalden, spielende Kinder - zu fließenden Collagen, die mit elektronisch bearbeiteter Musik unterlegt werden.

In der Abfolge der Details, in der Dramaturgie des Verlaufs mögen diese Bilder und Klänge etwas Austauschbares, Beliebiges haben. Dennoch gewinnen gerade die Klänge - im letzten Teil beklemmende Tunnelfahrtgeräusche, ein kontinuierliches Donnergrollen - körperliche Dringlichkeit. Sie steht in paradoxem Kontrast zur Klangerzeugung. Die Feinmotorik von Alexander Augsten, Marek Brandt, Oliver Kiesow, Hendrik Kröz, Shintaro Miyazaki, Nicolas Weiser, Martin Klemmer und André Klein an Laptops und Mischpult scheint rein gar nichts mit den akustischen Impulsen zu tun zu haben. Die Digitalisierung - auf den Bildschirmen sind nur Tabellen und Säulenmasken - hat jede Analogie von Körper und Klang zerstört. Doch wendet sich der Klang direkt dem Körper zu.

Auch Günthers Bilder kehren sich selbstreflexiv gegen die Digitalisierung. Während der Kunsttheoretiker John Berger gegenwärtig fürchtet, dass die Technologie das Erscheinende vom Existierenden völlig trennt, melden sich in Günthers digitalem Bilderschaum die festen Körper als Zeugen der Wirklichkeit, als Träger von Schicksalen zurück. Zwischen all den Zuckungen unserer Weltschinderei - Börsenhysterie und Zerstreuungsreklame, Krieg und Müll - gibt es Epiphanien einer anderen Welt: Rehe in scheuer Stille, eine Krähe zwischen Zellophan, ein springender Hund auf städtischem Asphalt.

"Dignity of Man" bezieht sich auf die berühmte Rede über die Menschenwürde des italienischen Philosophen Giovanni Pico della Mirandola (1463-1494). Pico begründete die Würde des Menschen in dessen Nicht-Festgelegtsein. Der Mensch sei sein eigner Bildner und Former; es stehe ihm frei, in die Unterwelt des Viehs zu entarten oder sich in die höhere Welt des Göttlichen zu erheben. Hat man im Anatomischen Theater bei Günthers Bildern in die braunen Augen eines Kauzes hinter Drahtgittern gesehen, erscheint einem das Tier als der bessere Mensch.

Berliner Zeitung, 15.07.2006