REVIEW: Berliner Akzente: online : 14. Dezember 2009


Der Laptop avanciert zum Orchester-Instrument: Berliner Popmusiker und DJs stellen sich mit Streichern und Bläsern auf die Bühne. Heraus kommen ganz neue und sehr kontrastreiche Töne. Was der grau melierte Konzertbesucher als "Krach" verschmähen mag, nennen die Klangpioniere "Audio Art".

Vogelgezwitscher mischt sich mit Maschinengeräuschen, Schreie unterbrechen Klaviermusik, elektronische Rhythmen entfachen Spannungsbögen, die am Ende in Trommelschlägen und Choralgesängen untergehen: Was für den Laien nach einem willkürlichen Sound-Misch-Masch klingt, ist für die sechs Musiker des Berliner Laptop-Orchesters "Endliche Automaten" Experimentalsound, der die Grenzen der Klangkunst auslotet.

Wegbereiter für ein völlig neues Genre

Sogar mit Bläsern, Streichern und Gitarristen sowie kompletten klassischen Orchestern stehen Laptop-Musiker inzwischen auf der Bühne und beweisen, dass sich E- und U-Musik, klassische und elektronische Musik, perfekt ergänzen können.

Vor sechs Jahren hat sich das Ensemble innerhalb der Berliner Elektro-Szene formiert. Womit andere lediglich tippen, spielen oder surfen, ist für die Musiker das zentrale Instrument, um Werke aus sämtlichen musikalischen Genres neu zu interpretieren. "Wir sind Wegbereiter für jene, die das Laptop wie ein klassisches Instrument benutzen, damit proben und nach Noten spielen", sagt Marek Brandt (39). Der Fotograf und Medienkünstler ist von Beginn an dabei und betrachtet sich als Pionier einer neuen Stilrichtung elektronischer Musik.

Partituren in ihre Einzelteile zerlegt

"Wir treten nicht oft auf, die meisten gehen ihren Jobs nach", sagt Brandt. Neben einer Tournee durch Ost- und Mitteleuropa gab es in diesem Jahr außerhalb von Berlin auch einen Auftritt im Dortmunder Hartware MedienKunstVerein. Dann stehen die Jungs mit ihren Laptops und ganz in schwarz gekleidet auf der Bühne, starren versunken auf ihre Rechner, zucken zu ihren selbst erschaffenen Rhythmen, fummeln an Knöpfen, Tasten und Reglern. Ein eher unscheinbarer Anblick, aufgelockert von Video-Installationen, die über eine Leinwand im Hintergrund flimmern.

Im krassen Widerspruch zum visuellen Eindruck steht der akustische: Was die "Endlichen Automaten" spielen, ist mehr Soundcollage als eingängige Musik. "Wir nennen das zeitgenössische Audio Art", sagt Marek Brandt. Die Musiker zerlegen Partituren in ihre Einzelteile und setzen sie neu zusammen. Dabei weichen sie gern ab und improvisieren, was die Soundkarte hergibt. "Instant Composing" nennt sich das, eine Art Momentkomposition vergleichbar mit dem freien, ungebundenen Improvisationsspiel im Jazz ab Ende der Fünfzigerjahre, dem "Free Jazz". Doch hinter dem völlig frei anmutenden Spiel verbirgt sich eine genau geplante Abfolge. "Jeder von uns hat eine Spielanweisung, damit jeder weiß, zu welcher Zeit er mit welchem Volumen und mit welchem Sound reinkommen muss", sagt Brandt.

Papst des Minimaltechno tritt mit Swing-Band auf

Eine etwas eingängigere Musik als die "Endlichen Automaten" bietet das "Redux Orchestra" von Ari Benjamin Meyers. Der in Berlin lebende New Yorker komponiert und spielt in mehreren Rockbands, dirigiert Opernstücke, musiziert für Film, Theater und Tanz. 2005 hat der 37-Jährige das Orchester gegründet – eine Formation von elektronischen Musikern, die sich mit Bläsern, Streichern und einer Rockband zusammenfinden. Das Redux Orchestra tritt in Clubs und bei Musikfestivals auf. In diesem Jahr schuf Meyers das siebzigminütige Orchesterwerk "Symphony X", das seit Ende September als Tonträger erhältlich ist.

Auch ihn treibt an, die Grenze zwischen E- und U-Musik aufzubrechen. Seine Kompositionen passen in kein klassisches Genre. Andere Musiker entdecken ebenfalls den Reiz, an der Grenze zu rütteln. Vermehrt erscheinen Tonträger, die in die gleiche Richtung von "Symphony X" gehen: von Ricardo Villalobos zum Beispiel, dem "Papst des Minimaltechno" und Betreiber des "Clubs der Visionäre" in Kreuzberg.

Er hat vor drei Jahren "Narod Niki" gegründet, ein Ensemble aus acht international renommierten DJs, die gemeinsam mit einer Swing-Band spielen. Sie treten ein- bis zweimal im Jahr auf, etwa beim Montreux Jazz Festival, dem Sónar-Festival oder im Admiralspalast. Jeder DJ programmiert eine Tonspur an seinem Laptop. Die einzelnen Spuren werden dann von einem Dirigenten zu einem Klangkonstrukt zusammengemischt. Dazu ertönt Swing- und Jazz-Musik.

Heraus kommt eine elektronisch swingende Mixtur, eine Mensch-Maschinen-Musik, die zeigt: Die jahrzehntelang kultivierte Grenzziehung zwischen klassischer und elektronischer Musik hat sich endgültig erledigt. Was für den grau melierten Konzertgänger vor ein paar Jahren noch ein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre – der Laptop eingereiht zwischen der Geige, dem Kontrabass und der Trompete – ist für die jungen Konzertbesucher längst zum youtube-würdigen Konzerthighlight avanciert.

André Tucic